
Erster Bildungsbericht macht prekäre Lage bei Betreuung von Kleinkindern und Grundschülern deutlich
Christian Schmidt LANDKREIS. Trotz aller geäußerter Skepsis gegenüber Statistiken und möglicher Fehlinterpretationen fordern Politiker Konsequenzen aus dem ersten Bildungsbericht für den Landkreis Stade. Insbesondere die Daten zur Betreuung von Kleinkindern und Grundschülern sorgten am Donnerstag in den zuständigen Fachausschüssen für Zündstoff.
Immer noch sind die Kommunen im Landkreis Stade weit davon entfernt, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf in erforderlichem Maß zu gewährleisten.
Zwar liegt das 120-Seiten-Werk aus dem Bildungsbüro des Landkreises Stade erst im Entwurf vor. Und, so formulierte es Hermann Krusemark (CDU) in der gemeinsamen Sitzung von Schul- und Jugendhilfe-Ausschuss des Kreistages: "Es sind auch positive Entwicklungen erkennbar." So sei die Bildungslandschaft im Landkreis Stade durchaus vielfältig und: "Nur 0,7 Prozent aller Kinder werden nicht in Tagesstätten oder in der Tagespflege betreut." Auch sinkt der Anteil der Schüler ohne Hauptschulabschluss, die Zahl der Abiturienten steigt. Doch bereitet vielen Politikern die mangelnde Vereinbarkeit von Familie und Beruf im Landkreis Stade große Sorgen. Dr. Harald Stechmann (SPD): "Auch wenn es gewisse Fortschritte gibt - in punkto frühkindlicher Bildung ist der Landkreis Stade ein Entwicklungsland."
In Zahlen: Die Betreuungsquote für unter dreijährige Kinder liegt mit 9,3 Prozent noch deutlich unter dem vom Landkreis selbst angestrebten Wert von 20 Prozent und noch deutlicher unter der bundesweiten Versorgungsempfehlung von 35 Prozent. Bei der Schulkinderbetreuung sehen die Zahlen noch dramatischer aus.
Auch in den ersten Schuljahren fehle es an umfangreichen und flexiblen Angeboten. Stechmann: "Entweder das Angebot an Ganztagsschulen wird ausgeweitet oder das der Horte."
Die Vereinbarkeit von Berufstätigkeit und Familie müsse in den Kommunen mehr Beachtung finden. Auch aus Sicht der Wirtschaft dürfe auf die Arbeitskraft von Eltern nicht verzichtet werden, so Stechmann. Seine Fraktionskollegin Monika Zierbarth verweist auf die Benachteiligung von Alleinerziehenden, die nicht selten auch noch im Schichtbetrieb tätig sind.
Für Hans-Hermmann Ott (CDU) zeigt der Bildungsbericht, dass gerade die frühkindliche Bildung eine "gesamtgesellschaftlich Aufgabe" ist. Der langjährige Stader Bürgermeister verweist auf die schwedische Partnerstadt Karlshamn, in der es ein "hervorragendes Kinderbetreuungsangebot für berufstätige Eltern gibt - und das kostenlos."
Politiker und Pädagoge Krusemark sieht angesichts sich verändernder Arbeitssituation ebenfalls Defizite bei der Kinderbetreuung, aber auch die Eltern hätten eine Erziehungspflicht.
Der Bildungsbericht, entstanden im Zuge des vom Bund geförderten Projekts "Lernen vor Ort", stellt mit harten Daten das Bildungswesen im Landkreis Stade dar, sagt Erster Kreisrat Dr. Eckart Lantz. Gleichwohl fehlten bisher noch Angaben, etwa zur nichtschulischen Bildung. Mit den Daten werde die Grundlagen geschaffen, "den Landkreis Stade zu einem herausragenden Bildungsstandort zu machen", meint Lantz.
© Stader Tageblatt vom 21.01.2012 ( Nachdruck mit freundlicher Genehmigung )